Das hohe und tiefe und absolut heilige Ich
Kaniel begleitet Menschen auf der Suche nach der Ekstase
von Noam & Ema Braslavsky, September 2006
Wo ist das höchste, heiligste Ende meines Ichs? Spontan darauf zu erwidern: in der Urne, in meiner Asche? In meinem (biblischen) Staub? Die Frage setzt voraus, dass ich mich innerhalb meines Ichs begreife. Dass ich bin. Ich könnte ebenso fragen: Wo ist der höchste, heiligste Anfang meines Ichs? Frei heraus würde ich zurückfragen: Meinst Du die Ovu-lation meiner Mutter? Absurd. Eine verfahrene Situation! Entweder bin ich nicht mehr oder noch nicht. Im höchsten Zustand der Ekstase will ich aber noch sein und fast schon nicht mehr. Transzendent, aber körperlich. Bewusst, aber unkontrolliert. In der höchsten Ich-Erfahrung, mein Ich verlieren? Etwa so muss ich mir die Definition der Ekstase im Duden als „rauschhaften Zustand“ vorstellen, „in dem der Mensch der Kontrolle des normalen Bewusstseins entzogen ist“.
Kaniel umtreiben Menschen in rauschhaften Zuständen, die er mit der Kamera aufspürt und beobachtet. Sowohl über Erde als auch unter Wasser. Schamanen, Fundamental-Religiöse und Gläubige aller Art als auch Junkies, Kiffer und Hochzeitspaare. Die Ausstellung „Hoch-Zeiten“ zeigt einen ersten Querschnitt seiner dokumentarischen Recherche und gestattet uns einen voyeuristischen Einblick in heilige und pseudo-heilige Augenblicke. Bei erster Inaugenscheinnahme des Materials fällt auf, dass sich Kaniels Protagonisten in ihrer Ekstase nicht der Tradition Jesu sondern Dionysos zuwenden. Kurzum: Es geht um Glück, um den heiligen Rausch der Gott-Natur-Erkenntnis, um den Siedepunkt der Ich-Erfahrung. Und es geht ums Eskapieren.
Eine Ekstase lässt sich auf zwei Wegen erreichen: durch Reduzieren (Fasten, Beten, Isolation, Askese) und durch Steigern (Schmerz, Tanzen, Singen, Drogen, Hyper-ventilieren). Beide Wege verfolgen dasselbe Ziel: an den Rand des eigenen Bewusstseins zu treten. Was aber steckt hinter dem Wunsch, die Kontrolle darüber zu verlieren? Süchtig oder fanatisch zu werden? Die Rahmenbedingungen, die das Bewusstsein des einzelnen bestimmen, spielen die wichtigste Rolle: Unwissenheit, Monotonie, Armut, emotionale Überfor-derung oder Unterforderung, Bedrohung, Ausgren-zung usw. Der Mensch ist nicht für das Unglück gemacht. Er strebt nach Harmonie oder, im Begriff der Kognitions-wissenschaft zu sagen, nach kognitiver Balance. Er muss sich gut fühlen. Was ihm dieses Hochgefühl vermittelt, ist wieder davon abhängig, woran er glaubt, was er vermisst oder einfacher: wie er lebt.
Kaniels Fotos und Filme zeigen uns aber nicht immer wahre Hoch-Zeiten. Diese Ausstellung ist eher ein Sammelsurium von versuchten ekstatischen Momenten, die sich als pure Inszenierungen von high moments entpuppen wie im Fall der Hochzeiten oder die sich für den einzelnen nicht immer gelohnt haben wie beim Drogenkonsums mit den zum Teil schrecklichen Nachwirkungen.
All the photos are created with a reflex roll film camera and the images are not manipulated with photoshop or other digital media.