"... daß auch viele Wasser nicht vermögen die Liebe auszulöschen."
von Marlene Schnelle-Schneyder
Die Photographie hat als erstes apparatives Bildmittel eine besondere Geschichte hinter sich. Der lange Schatten der Malerei lag lange Jahre über ihr und hat ihr Grenzen gesetzt, die sich im Vergleich der beiden Medien nicht unbedingt zu Gunsten der Photographie auswirkten. Dennoch hat die Photographie nicht lange gebraucht, um sich aus der Klammer der traditionellen Bildmedien zu befreien und ihre eigenen Bildpotentiale zu entwickeln. Schon das 19. Jahrhundert zeigt eine Fülle von Beispielen, die sich aber erst im 20. Jahrhundert mit der Anerkennung als eigene Kunstrichtung bestätigten. Der Kunstcharakter der Photographie hat es nicht leicht gehabt, sich zu behaupten, weil die Photographie auch ein Massenmedium ist und die Kriterien sich sehr oft an allgemeinen Gesichtspunkten orientiert haben und die künstlerischen Qualitäten in den Hintergrund traten.
Die Malerei hatte sich zunächst von der Darstellung der außerbildlichen Wirklichkeit abgewandt und mit der Abstraktion die malerischen Mittel der Fläche, Form und Farbe betont und sie damit in das Bewusstsein des Betrachters gebracht. Die Photographie hatte sich hauptsächlich mit der ihr zugewiesenen Rolle der Dokumentation befasst, in dem Glauben, dass sie die Wirklichkeit abbilden könne. Es hat etwas gedauert, bis sie zur Einsicht kam, dass Darstellung mehr als bloße Abbildung der Realität ist und dass die visuelle, menschliche Wahrnehmung anders funktioniert als die Kameraaufzeichnung und somit Bilder eine ganz eigene Wirklichkeit besitzen.
Im Laufe der Geschichte der Photographie sind eigene Stile entwickelt worden. Man spricht von der "Naturalistischen Photographie", vom "Neuen Sehen", von der "Subjektiven Photographie", von der "Autorenphotographie" um nur einige zu benennen. Sie haben den Weg der Photographie zur Autonomie gestärkt und gezeigt, dass es viele Möglichkeiten der photographischen Darstellung gibt.
Am Beginn des 21. Jahrhunderts verfügen wir nun über eine ganze Reihe von Darstellungsweisen. Abgesehen von einigen jungen Künstlern, die die Klischees der Trends abarbeiten, gibt es andere, die sich in ihren Konzepten mit wesentlichen Fragen auseinandersetzen und sie in photographische Bilder umsetzen.
Zohar Kaniel gehört zu diesen Künstlern. Bevor er sich für das "Stille Bild" entschied, hat er Filme gemacht. Auch dort lässt sich schon erkennen, dass er an der Vielfalt der Israelischen Gesellschaft interessiert ist und sich nicht nur auf die gegenwärtige kriegsähnliche Situation im nahen Osten einlässt. Seine Themen: "der orthodoxe Strand in Tel Aviv", an dem zum Beispiel eine einmalige Art von nächtlicher Meditation stattfindet oder das Schicksal zweier junger Immigranten (Russland und Äthiopien), die heroinabhängig sind und in der Nähe der Busstation von Tel Aviv hausen haben durchaus gesellschaftskritischen Charakter. Aber er erfüllt unsere Erwartungshaltung, die durch die Medienrezeption eingeschränkt ist, nicht mit der Darstellung vordergründiger Konfliktsituationen. Ihm liegt daran, seine Zeit zu deuten und sie aus der langen Dauer der Geschichte zu verstehen. Sie können das tägliche Leben betreffen, die Religion, die Philosophie oder auch die Visionen.
1967 in Jerusalem geboren, hat Zohar Kaniel Film und Fernsehen in Tel Aviv studiert und im Hassada College sich mit dem "still photo" beschäftigt. Zusätzlich hat er einen Abschluss am Wingate College für Hydrotherapie gemacht.
Nach eigener Aussage versucht er mit der Photographie ihre Grenzen zu anderen Medien zu testen, wobei er sich ausdrücklich zur analogen Photographie bekennt. Er legt Wert darauf, dass seine Bilder nicht bearbeitet oder manipuliert sind, denn er ist fasziniert von dem Geheimnis des photographischen Prozesses.
Eines der vorrangigen Themen von Zohar Kaniel ist uralt und wiederum hochaktuell: die vier Elemente. Die alte vorsokratische Philosophie fragte sich bereits, woraus unsere Welt besteht und was sie zusammen hält? Empedokles fand seine damalige Antwort, die eine nachhaltige Rezeption erfahren hat. Er glaubte, dass die ganze sichtbare Welt aus einer vielfältigen Mischung von vier Grundstoffen aufgebaut ist: Erde, Wasser, Luft und Feuer. Der Kreislauf der Elemente wird bei Empedokles von Liebe und Streit bestimmt. Die Liebe führt die Dinge Zusammen, der Streit scheidet sie. Aus diesem Prozess von Werden und Vergehen, von Schönheit und Hässlichkeit, von Gut und Böse, von Bewegung und Ruhe ergibt sich die Unendlichkeit der Zeit.
Die vier Elemente haben ursächlich mit unserem Leben zu tun. Sie sind für uns auf der einen Seite lebenswichtig, aber sie können andererseits auch eine zerstörende Kraft entfalten, gegen die wir selbst in unserer wissenschaftlich aufgeklärten Welt machtlos sind. Jedes Element hat seinen eigenen Charakter und auch seine symbolische und metaphorische Bedeutung. Dabei sind ihre Grenzen fließend, ihre Wirkungsweisen wechselseitig.
So ist es nicht verwunderlich, dass die Kunst über die Jahrhunderte von diesem Thema angezogen war. Zohar Kaniel hat sich seit Jahren mit diesem Thema photographisch auseinandergesetzt. In seinen Bildern wird besonders deutlich, wie sich die Elemente einerseits durchdringen und andererseits akzentuiert werden. Diese Akzente ergeben sich nicht nur aus den Motiven der Bilder, sondern auch aus den unterschiedlichen, photographischen Methoden, mit denen er die Sujets realisiert.
In der Darstellung von Erde bringt sich Kaniel als "Selbstportrait ein, das heißt, er verlässt die Position hinter der Kamera und begibt sich in den Bildraum. Er verlässt damit gleichzeitig die Kontrolle über den exakten Bildaufbau. Der Zufall, ein genuines Mittel der Photographie, bestimmt die Organisation des Bildes und da er oft mit langen Belichtungszeiten arbeitet, zeichnet der Körper bewegte Spuren.
Das Wasser spielt eine große und eigene Rolle in der Darstellung. Hier handelt es sich um eine perfekte Inszenierung. Er steigt mit seinen Modellen in das Wasser und photographiert sie unter Wasser. Das Wasser hat für Zohar Kaniel eine besondere Bedeutung. Es ist ein Ort der eigenen Körpererfahrung, und kann auch ein Ort der Kontemplation sein. Aber ebenso interessant ist für ihn die Beobachtung der Anderen. Ihr Verhalten im Wasser, ihre Bewegungen, der Ausdruck ihrer Gesichter. Ganze Hochzeitgesellschaften zeigen da ihre Freude und Zärtlichkeit, Ballspieler ihre Dynamik und Angriffslust. Mit großem Aufwand dirigiert sie der Photograph in sein Konzept. Licht und Bewegung, seine bevorzugten Ansätze, können sich hier voll entfalten.
Luft wird als einziges Element ohne Menschen dargestellt. In der Regel handelt es sich hier um Naturaufnahmen, die meistens nachts entstehen. Durch die langen Belichtungszeiten entfernen sich die Farben von ihrem Realitätsbezug und entwickeln eigene Bildvalenzen. Auch hier werden die Resultate vom Zufall beeinflusst. Die Spuren der Wolkenbewegung lassen den Wind spüren und rechnen mit der Nähe des Betrachters.
Das Feuer wird wieder ganz von den Menschen im Bild bestimmt. Die Licht- und Wärmequelle selber ist nicht sichtbar, sie spiegelt sich in den warmen Farben der Körper und Gesichter, in den Bewegungen, im Glanz ihrer Augen. Der Betrachter ist mit einer indirekten Aussage konfrontiert, aus der das Gemeinte zu entschlüsseln ist. Die anschauliche Sichtbarkeit ist ganz auf die Reaktion konzentriert. Kaniel kann hier keinen Einfluss auf die Positionen der einzelnen Figuren nehmen. Er arbeitet mit versteckter Kamera, um den authentischen Ausdruck der Gesichter und Körper einzufangen und ihnen ihre Natürlichkeit zu lassen. Er bestimmt den Moment der Konstellation, die ihm für sein Bild angemessen erscheint. Die vielfältige Erscheinungswelt der Elemente faszinieren Zohar Kaniel immer wieder. Er sieht diese Phänomene in einem engen Zusammenhang mit seiner Arbeit. Sie prägen seine wechselnden photographischen Erfahrungen, regen ihn zu neuen Bildrealisationen an und prägen die Konzepte. Klischees und populäre Trends spielen dabei keine Rolle. Er begibt sich auf den mühevollen Weg, auf die Suche nach der einen Einheit und der Gewissheit. ", dass auch viele Wasser nicht vermögen die Liehe auszulöschen."
Marlene Schnelle-Schneyder
Die Malerei hatte sich zunächst von der Darstellung der außerbildlichen Wirklichkeit abgewandt und mit der Abstraktion die malerischen Mittel der Fläche, Form und Farbe betont und sie damit in das Bewusstsein des Betrachters gebracht. Die Photographie hatte sich hauptsächlich mit der ihr zugewiesenen Rolle der Dokumentation befasst, in dem Glauben, dass sie die Wirklichkeit abbilden könne. Es hat etwas gedauert, bis sie zur Einsicht kam, dass Darstellung mehr als bloße Abbildung der Realität ist und dass die visuelle, menschliche Wahrnehmung anders funktioniert als die Kameraaufzeichnung und somit Bilder eine ganz eigene Wirklichkeit besitzen.
Im Laufe der Geschichte der Photographie sind eigene Stile entwickelt worden. Man spricht von der "Naturalistischen Photographie", vom "Neuen Sehen", von der "Subjektiven Photographie", von der "Autorenphotographie" um nur einige zu benennen. Sie haben den Weg der Photographie zur Autonomie gestärkt und gezeigt, dass es viele Möglichkeiten der photographischen Darstellung gibt.
Am Beginn des 21. Jahrhunderts verfügen wir nun über eine ganze Reihe von Darstellungsweisen. Abgesehen von einigen jungen Künstlern, die die Klischees der Trends abarbeiten, gibt es andere, die sich in ihren Konzepten mit wesentlichen Fragen auseinandersetzen und sie in photographische Bilder umsetzen.
Zohar Kaniel gehört zu diesen Künstlern. Bevor er sich für das "Stille Bild" entschied, hat er Filme gemacht. Auch dort lässt sich schon erkennen, dass er an der Vielfalt der Israelischen Gesellschaft interessiert ist und sich nicht nur auf die gegenwärtige kriegsähnliche Situation im nahen Osten einlässt. Seine Themen: "der orthodoxe Strand in Tel Aviv", an dem zum Beispiel eine einmalige Art von nächtlicher Meditation stattfindet oder das Schicksal zweier junger Immigranten (Russland und Äthiopien), die heroinabhängig sind und in der Nähe der Busstation von Tel Aviv hausen haben durchaus gesellschaftskritischen Charakter. Aber er erfüllt unsere Erwartungshaltung, die durch die Medienrezeption eingeschränkt ist, nicht mit der Darstellung vordergründiger Konfliktsituationen. Ihm liegt daran, seine Zeit zu deuten und sie aus der langen Dauer der Geschichte zu verstehen. Sie können das tägliche Leben betreffen, die Religion, die Philosophie oder auch die Visionen.
1967 in Jerusalem geboren, hat Zohar Kaniel Film und Fernsehen in Tel Aviv studiert und im Hassada College sich mit dem "still photo" beschäftigt. Zusätzlich hat er einen Abschluss am Wingate College für Hydrotherapie gemacht.
Nach eigener Aussage versucht er mit der Photographie ihre Grenzen zu anderen Medien zu testen, wobei er sich ausdrücklich zur analogen Photographie bekennt. Er legt Wert darauf, dass seine Bilder nicht bearbeitet oder manipuliert sind, denn er ist fasziniert von dem Geheimnis des photographischen Prozesses.
Eines der vorrangigen Themen von Zohar Kaniel ist uralt und wiederum hochaktuell: die vier Elemente. Die alte vorsokratische Philosophie fragte sich bereits, woraus unsere Welt besteht und was sie zusammen hält? Empedokles fand seine damalige Antwort, die eine nachhaltige Rezeption erfahren hat. Er glaubte, dass die ganze sichtbare Welt aus einer vielfältigen Mischung von vier Grundstoffen aufgebaut ist: Erde, Wasser, Luft und Feuer. Der Kreislauf der Elemente wird bei Empedokles von Liebe und Streit bestimmt. Die Liebe führt die Dinge Zusammen, der Streit scheidet sie. Aus diesem Prozess von Werden und Vergehen, von Schönheit und Hässlichkeit, von Gut und Böse, von Bewegung und Ruhe ergibt sich die Unendlichkeit der Zeit.
Die vier Elemente haben ursächlich mit unserem Leben zu tun. Sie sind für uns auf der einen Seite lebenswichtig, aber sie können andererseits auch eine zerstörende Kraft entfalten, gegen die wir selbst in unserer wissenschaftlich aufgeklärten Welt machtlos sind. Jedes Element hat seinen eigenen Charakter und auch seine symbolische und metaphorische Bedeutung. Dabei sind ihre Grenzen fließend, ihre Wirkungsweisen wechselseitig.
So ist es nicht verwunderlich, dass die Kunst über die Jahrhunderte von diesem Thema angezogen war. Zohar Kaniel hat sich seit Jahren mit diesem Thema photographisch auseinandergesetzt. In seinen Bildern wird besonders deutlich, wie sich die Elemente einerseits durchdringen und andererseits akzentuiert werden. Diese Akzente ergeben sich nicht nur aus den Motiven der Bilder, sondern auch aus den unterschiedlichen, photographischen Methoden, mit denen er die Sujets realisiert.
In der Darstellung von Erde bringt sich Kaniel als "Selbstportrait ein, das heißt, er verlässt die Position hinter der Kamera und begibt sich in den Bildraum. Er verlässt damit gleichzeitig die Kontrolle über den exakten Bildaufbau. Der Zufall, ein genuines Mittel der Photographie, bestimmt die Organisation des Bildes und da er oft mit langen Belichtungszeiten arbeitet, zeichnet der Körper bewegte Spuren.
Das Wasser spielt eine große und eigene Rolle in der Darstellung. Hier handelt es sich um eine perfekte Inszenierung. Er steigt mit seinen Modellen in das Wasser und photographiert sie unter Wasser. Das Wasser hat für Zohar Kaniel eine besondere Bedeutung. Es ist ein Ort der eigenen Körpererfahrung, und kann auch ein Ort der Kontemplation sein. Aber ebenso interessant ist für ihn die Beobachtung der Anderen. Ihr Verhalten im Wasser, ihre Bewegungen, der Ausdruck ihrer Gesichter. Ganze Hochzeitgesellschaften zeigen da ihre Freude und Zärtlichkeit, Ballspieler ihre Dynamik und Angriffslust. Mit großem Aufwand dirigiert sie der Photograph in sein Konzept. Licht und Bewegung, seine bevorzugten Ansätze, können sich hier voll entfalten.
Luft wird als einziges Element ohne Menschen dargestellt. In der Regel handelt es sich hier um Naturaufnahmen, die meistens nachts entstehen. Durch die langen Belichtungszeiten entfernen sich die Farben von ihrem Realitätsbezug und entwickeln eigene Bildvalenzen. Auch hier werden die Resultate vom Zufall beeinflusst. Die Spuren der Wolkenbewegung lassen den Wind spüren und rechnen mit der Nähe des Betrachters.
Das Feuer wird wieder ganz von den Menschen im Bild bestimmt. Die Licht- und Wärmequelle selber ist nicht sichtbar, sie spiegelt sich in den warmen Farben der Körper und Gesichter, in den Bewegungen, im Glanz ihrer Augen. Der Betrachter ist mit einer indirekten Aussage konfrontiert, aus der das Gemeinte zu entschlüsseln ist. Die anschauliche Sichtbarkeit ist ganz auf die Reaktion konzentriert. Kaniel kann hier keinen Einfluss auf die Positionen der einzelnen Figuren nehmen. Er arbeitet mit versteckter Kamera, um den authentischen Ausdruck der Gesichter und Körper einzufangen und ihnen ihre Natürlichkeit zu lassen. Er bestimmt den Moment der Konstellation, die ihm für sein Bild angemessen erscheint. Die vielfältige Erscheinungswelt der Elemente faszinieren Zohar Kaniel immer wieder. Er sieht diese Phänomene in einem engen Zusammenhang mit seiner Arbeit. Sie prägen seine wechselnden photographischen Erfahrungen, regen ihn zu neuen Bildrealisationen an und prägen die Konzepte. Klischees und populäre Trends spielen dabei keine Rolle. Er begibt sich auf den mühevollen Weg, auf die Suche nach der einen Einheit und der Gewissheit. ", dass auch viele Wasser nicht vermögen die Liehe auszulöschen."
Marlene Schnelle-Schneyder
